Sächsisches Klettern zwischen Tradition und Moderne

Im Jahr 2013 führte der Sächsische Bergsteigerbund (SBB) eine Umfrage durch die in 28 Fragen ein weites Themenfeld abdeckte. Darunter auch die Frage ob und wie Klettertouren besser abgesichert werden sollten. Manch Außenstehender würde sagen, dass die Antwort „mit Bohrhaken“ lauten könnte aber so einfach ist es in der Sächsischen Schweiz nicht. Naturschutz, die Tradition des sächsischen Kletterns und ein Dutzend anderer Faktoren lassen die Frage kompliziert werden. Jedenfalls wurde die Umfrage durchgeführt, die Ergebnisse auf einem Zukunftskongress vorgestellt und mit einem Konzept zur Bergsportentwicklung auf eben diese Ergebnisse reagiert. Jetzt hat Falk Zedler dem SBB einen offenen Brief mit dem Titel „Umfrage durchgeführt – Ergebnisse ignoriert“ geschrieben und diesen mit einer online-Petition beflankt. Wer das jetzt alles nicht verstanden hat, hat alles richtig verstanden.

Falk Zedler
Falk Zedler

Um etwas Licht ins Dunkel zu bekommen treffe ich Falk Zedler zum Interview im Dresdner Alaunpark. Falk, geb. 1981, hat ein Kind, wirkt in der neuen Heidenauer Kletterhalle Yoyo mit und ist diplomierter Wirtschaftsingenieur.

Ich habe Deinen offenen Brief mehrfach gelesen und nicht verstanden was du eigentlich möchtest. Ganz kurz: Um was gehts?

Ich habe mir die Umfrageergebnisse genau angesehen und dabei ist mir eine riesige Diskrepanz zwischen dem Umfrageergebniss und dem Konzept zur Bergsportentwicklung aufgefallen. Die Umfrage dokumentiert eine breite Interessenverteilung unter den sächsischen Kletterern. Das Konzept des SBB wird dieser Interessenverteilung nicht gerecht.

Mein Ziel ist es, dass sich der SBB öffentlich dazu bekennt sich neutral hinsichtlich der unterschiedlichen Interessen zu verhalten. Das bedeutet, dass zeitnah Veränderungen herbeigeführt werden müssen. Bislang ist der SBB eine Interessenvertretung der Traditionalisten. Der SBB sollte aber auch Sportkletterer vertreten.

Als Verein aller Kletterer muss er auch Angebote für alle Kletterer schaffen. Es ist genug Kletterfläche da, um sowohl traditionell als auch modern klettern zu können. Es sollte nicht einer alles haben – egal ob Sportkletterer oder Traditionalist.

Welche Möglichkeiten siehst du den Umfrageergebnissen neutral gerecht zu werden?

Man müsste sich für ein Prinzip entscheiden, was bei allen Fragen und bei allen unterschiedlichen Interessen gleichermaßen angewendet wird. Die für mich logischste Variante ist die Aufteilung. Zum Beispiel wünschen sich 37% der Umfrageteilnehmer die systematische Nachrüstung von Routen. Das war die radikalste Option. Man könnte also ca. ein Drittel der Kletterfläche systematisch nachrüsten.

Alternativ könnte man sich auch an absoluten Mehrheiten festhalten. Diese schwarz/weiss Variante wäre in meinen Augen nicht sinnvoll. Zumal die Interessen der meisten Kletterer irgendwo zwischen den Extremen liegen.

Warum gibt es auch noch eine Petition?

Um öffentlich Druck zu erzeugen. Der offene Brief besteht aus zwei Seiten Text. Da muss man sich hinsetzen und lesen und tief in die Zahlen einarbeiten. Dort sind die relevanten Argumente im Detail aufgeführt. In der Petition sind dann die Kernpunkte zusammengefasst welche sich in drei Minuten überblicken und anklicken lassen.

Siehst du Dich und Deine Petition richtig verstanden?

Ich finde es fast ein bisschen Schade, dass auch diejenigen, die meine Petition unterzeichnet haben, sagen, dass ich eine Petition für das Sportklettern gestartet habe. Das stimmt nicht! Die Petition fordert Neutralität des SBB. Es geht um das politische Funktionieren des Organs. Wenn der SBB die Regeln für alle sächsischen Kletterer diktieren darf, muss er auch demokratisch funktionieren.

Im SBB gibt es die Möglichkeit Anträge zu stellen und über diese in der Hauptversammlung abstimmen zu lassen. Warum wählst du nicht diesen etablierten Weg?

Ich habe in meinem Freundeskreis erlebt wie sich der eine oder andere im SBB engagiert hat und nach zwei Jahren entnervt aufgegeben hat. Es wäre nicht lösungsorientiert, wenn ich einen Antrag stellen würde der auf 37% der Kletterfläche die Einrichtung von Sportkletterrouten fordert. Das wollen ja offensichtlich nur 37% der Umfrageteilnehmer, d.h. der überwiegende Teil ist dagegen. Außerdem glaube ich, dass viele Leute nach so vielen Jahren Diskussion ohne Ergebnisse nicht mehr daran glauben, dass sich auf diesem Wege etwas ändert – und deshalb nicht zur Hauptversammlung kommen.

Bist du im SBB Mitglied?

Nein. Ich bin Sportkletterer und sehe mich durch den SBB nicht vertreten.

Für mich war immer klar, dass sich nichts verändern würde, wenn auch ich noch zum SBB gehe, um dort mitzudiskutieren. Hardcore-Traditionalisten wollen keine Kompromisse. Eine lösungsorientierte Diskussion ist da gar nicht möglich. Ich hoffe mit meinem offenen Brief und meiner Petition etwas bewirken zu können.

Wie stehst du zum Vorstand des SBB?

Im Falle des Konzepts zur Bergsportentwicklung hat der Vorstand einen Fehler gemacht. Deswegen richtet sich mein offener Brief auch direkt an den Vorstand. Die haben regelrecht ein falsches Ziel unterschrieben. Es unterscheidet sich eklatant von dem, was die Kletterer in der Umfrage geäußert haben. Ich glaube, dass der Vorstand vor allem die hört, die am lautesten Brüllen. Die Traditionalisten sind in den Organen des SBB überrepräsentiert und machen Druck. Zudem hat der Vorstand bei der Auswertung der Umfrage nicht genau genug hingesehen. Böser Wille ist es aber nicht.

In dem von Dir kritisierten Konzept zur Bergsportentwicklung wird von einem Pilotprojekt gesprochen was die systematische Nachrüstung überprüfen soll. Das lässt doch erkennen, dass der Wunsch nach besser gesicherten Wegen auch vom Vorstand erkannt wurde. Wie stehst du dazu?

Es gibt noch nichts Genaueres über den Umfang dieses Projektes zu lesen. Ich habe gehört, dass es sehr weit von den 37% der Gesamtkletterfläche entfernt ist. Im Gegenteil: Es ist die Rede von ein paar Gipfeln. Es ist auch nicht bekannt, ob dann im Rahmen dieses Projektes tatsächlich Routen entstehen, die „systematisch nachgerüstet“ bzw. sportklettermäßig abgesichert sind. Was soll dort getestet werden? Ob die Ringe auch halten wenn es mehr als 10 sind?

Es könnte doch sein, dass dieses Pilotprojekt genau das ist was du möchtest.

Ja. Kann sein, dass im Rahmen des Pilotprojektes Sportkletterrouten entstehen sollen. Genauer beschrieben ist das wie gesagt nicht. Bisher habe ich das Pilotprojekt so verstanden, dass es sich dabei um das gezielte Überprüfen von Routen nach nachträglichen Ringen handelt. Dabei wird in einem Gebiet ermittelt, welche Wege nicht geklettert werden, um dann diese Routen gezielt nachzurüsten. Die Intensität dieser Nachrüstung ist nicht bekannt. Bislang ist es ja so, dass in einem Weg mal zwei nachträgliche Ringe installiert werden. Wenn dieser Weg 60 Meter lang ist, dann ist das noch richtig weit weg von Sportklettern. Da werde ich nicht einsteigen. Auch in meinem Umfeld werden mir Wege als gut gesichert empfohlen, in die ich um Himmels Willen nicht einsteigen würde.

Auch die im Konzept angekündigten organisatorischen Verbesserungen in der AGnR beantworten nicht den Ruf nach besser gesicherten Wegen. Das Konzept sagt nichts darüber aus, inwieweit die Regelung zu nachträglichen Ringen verändert werden soll. Stünde da, dass die Regel bzw. die Bewilligungspraxis für nachträgliche Ringe verändert wird, wäre das etwas anderes. Wie sich die Arbeitsgemeinschaft intern organisiert und welche technischen Mittel zur Verfügung stehen ist für den Kletterer uninteressant.

Du bist König der Sächsischen Schweiz. Was würde sich verändern?

Persönlich favorisiere ich die Variante, dass Massive für die Form des modernen Kletterns geöffent werden und dort unter anderem Sportkletterrouten nach südspanischem Vorbild eingerichtet werden. Ich bin für eine klare Trennung vom traditionellen Klettern, was nach wie vor an den bestehenden Gipfeln stattfinden sollte.

37% sagen, dass sie eine systematische Nachrüstung wollen. Es ist nicht klar, wie dieses System aussehen soll. Ich verstehe es so, dass auch Sportkletterrouten entstehen: Nie Angst wegen der Sicherung haben müssen. Von mir aus können das auch nur 10% der Kletterfläche sein und die anderen 27% dann mit etwas weiteren Ringabständen.

Nochmal ganz klar: Ich wünsche mir das nicht für die gesamte Sächsische Schweiz. Ein Nebeneinander von traditionellem und modernen Klettern. Persönlich bin ich bereit, modern erschlossene Massive gegen Kletterfläche an den bestehenden Gipfeln einzutauschen. Natürlich sehe ich, dass dieser Tausch ins Fleisch der Traditionalisten schneidet. Deshalb: Sollen sie selbst entscheiden, welche Gipfel sie hergeben oder nachrüsten wollen. Vorrausgesetzt, es sind schöne Wege für alle dabei.

Was erhoffst du dir von deinem offenen Brief und deiner Petition?

Ich möchte, dass der SBB Vorstand sich hinstellt und den Fehler im Konzept zur Bergsportentwicklung öffentlich eingesteht. Ich möchte, dass die Neutralität zum erklärten Vereinsziel wird und in erster Konsequenz die Sportkletterer stärker berücksichtigt werden.

Mit diesem Vereinsziel können die Leute innerhalb des Vereins auch besser argumentieren. Dann müssen sich Traditionalisten und Sportkletterer diesem Ziel gemeinsam unterordnen und Lösungen erarbeiten. Der Traditionalist kann sich dann dem Kompromiss nicht weiterhin mit einem „das war schon immer so, das wollen wir nicht“ entziehen. Die Leute in den Arbeitsgruppen hätten dann eine Vorgabe, die es umzusetzen gilt. Der Vorstand muss dort seinen eigenen Leuten Druck machen. Unter solchen neutralen Zielvorgaben bin ich dann auch bereit, im SBB mitzuarbeiten.

Ziel der Umfrage war die Feststellung eines Meinungsbildes. Eine Veränderung bestehender Regelungen wurde im Vorfeld sogar explizit ausgeschlossen. Das Konzept zur Bergsportentwicklung ist somit eigentlich ein Bonus.

Der SBB weiß noch gar nicht was rauskommt – weiß aber schon, dass es nicht umgesetzt wird. Wenn du mich fragst, dann hat der SBB einfach Angst vor Veränderung. Aber nichts zu tun ist bei der bestehenden Interessenverteilung keine Option.

Ein traditioneller Kletterer träumt bestimmt schlecht von Dir.

Ich kann traditionelle Kletterer verstehen. Aber es ist doch nicht deren Gebirge. Ich kann mich nicht als Traditionalist hinstellen und für mich beanspruchen, die Regeln für alle bestimmen zu dürfen. Auf das Argument „wer hier nicht klettern möchte, soll doch in die Fränkische fahren“ will ich mich gar nicht einlassen. So ein Quatsch! Andere Richtung! Fahr Richtung Adersbach, dort hast Du traditionelles Klettern. In den Alpen, in Böhmen – überall gibt es traditionelles Klettern. Die oft gefeierte Einzigartigkeit des sächsischen Kletterns ist im Hinblick auf die Sicherungssituation überhaupt nicht gegeben.

Freifrage

Für mich ist der wichtigste Punkt, dass der SBB eine neutrale Position gegenüber allen Kletterern einnimmt. Auch Sportkletterer sollten durch den SBB vertreten werden. Der Sinn und Zweck des SBB sollte es sein, den Willen aller Kletterer umzusetzen. Die Korrektur des Konzeptes zur Bergsportentwicklung ist dabei sehr wichtig.

Bisher haben mich sowohl positive als auch negative Reaktionen erreicht. Von den traditionellen Stimmen war keine einzige dabei, die gesagt hat: „Ich bin ein traditioneller Kletterer, was du sagst gefällt mir nicht, aber du hast inhaltlich Recht.“ Keiner von denen hat eingestanden, dass es neben dem traditionellen Klettern auch Raum für modernes Klettern geben muss. Das ist enttäuschend. Dabei muss das Schubladendenken zwischen Tradition und Moderne überhaupt nicht sein. Ich habe nichts dagegen, dass neben mir jemand einen Riss klettert. Aber warum hat denn der, der den Riss klettert etwas dagegen, dass ich ’ne gute Sicherung haben möchte? Das macht überhaupt keinen Sinn. Wir wollen doch alle klettern gehen. Warum streiten wir uns rum wie die Blöden? Bei 18.000 Wegen? Wer soll denn das alles klettern?

 Das Gespräch führte Uwe Daniel

Nachtrag vom 22. September 2015: Im SBB-Mitteilungsblatt antwortet der Vorstand des SBB unter der Überschrift Klicken oder Reden: „Im Internet wurden ein offener Brief und eine Petition an den SBB veröffentlicht. Der Autor versucht aus seiner eigenen Interpretation unserer Umfrage Forderungen an den SBB abzuleiten. Wir sind jedoch weiterhin davon überzeugt, dass die Weiterentwicklung unseres Bergsteigens nicht im Internet sondern in den Projektgruppen zur Bergsportentwicklung 2014-2017 diskutiert werden sollte und rufen hiermit erneut alle Kletterer – traditionelle und moderne – zur Mitarbeit auf.“ (MTB Q3 2015 S. 4)