Tom Ehrig – Vorstand für Bergsteigen im Sächsischen Bergsteigerbund

Tom ist Jahrgang 1988 und studiert an der TU Dresden Maschinenbau. Seit 1996 ist er Mitglied im Sächsischen Bergsteigerbund (SBB). Im Alter von 3 Jahren bestieg er mit seinen Eltern den Steinlochturm in Schmilka als seinen ersten Gipfel. Der betont sächsische Kletterklub „Sächs’sche Maunt’nverein Freiberg“ ist ob seiner Mitgliedschaft glücklich, und fragt man Tom nach einem besonderen Glücksgefühl bei einer Tour im heimischen Sandstein, beginnt er von seiner Begehung der Müllersteinkante im Jahr 2014 zu berichten. Im Mai desselben Jahres wurde Tom Ehrig zum Vorstand für Bergsteigen gewählt. Drei Monate zuvor hatte der SBB zu einem Zukunftskongress eingeladen und dort die Ergebnisse der 2013 durchgeführten Umfrage vorgestellt und diskutiert. Kennt man Tom persönlich, weiß man, dass er sowohl große klassische Wege klettert als auch die sportliche Herausforderung in schweren Wegen sucht. Seine erste Aufgabe war es, auf die bereits ausgewertete Umfrage von 2013 zu reagieren. Dies geschah, indem Tom zusammen mit den anderen Vorständen des SBB ein Konzept zur Bergsportentwicklung erarbeitete. Wie bei den zurückliegenden Diskussionen über Topropes und UFOs wird hitzig über die Umfrage und das Konzept zur Bergsportentwicklung diskutiert. Ich treffe Tom auf dem Balkon seiner WG in der Dresdner Neustadt zum Interview.

Tom Ehrig hat Grund zur Freude, da er soeben eine vertrauenswürdige Abseilstelle auf einem Sandsteinturm im Jordanischen Wadi Rum gefunden hat. (Foto: Tom Ehrig)
Tom Ehrig hat Grund zur Freude, da er soeben eine vertrauenswürdige Abseilstelle auf einem Sandsteinturm im Jordanischen Wadi Rum gefunden hat. (Foto: Tom Ehrig)

Was bedeutet die im Konzept aufgeführte Verbesserung der Absicherungssituation nach Augenmaß?

Letztes Jahr bin ich die „Plattige Wand“ am Kl. Falknerturm geklettert. Eine VIIb mit traumhafter Wandkletterei an festen Eisenplatten. Aber da im zweiten Teil der Plattenwand keine Schlinge liegt, schlägt man, wenn einem oben die Kräfte verlassen, aus 15m wieder im Boden ein. Und im Gipfelbuch war keine einzige Begehung zu finden. Ein nachträglicher Ring und es würde eine Sternchenroute entstehen, die auch geklettert wird.

Anderes Beispiel: Letztens war ich an der Rohnspitze und wollte „Über die Dolchspitze“ klettern. Ich habe in der unteren Hangel nach wenigen Metern Angst bekommen und mit viel Kraft eine Schlinge in den Riss gespatelt. Anschließend bin ich auf letzter Elle wieder abgeklettert. Eine Freundin fragte mich daraufhin, ob ich mir jetzt nicht einen nachträglichen Ring an dieser Stelle wünschte und ich sagte nein. Natürlich nicht. Jeder, der diesen Weg klettern möchte weiß, worauf er sich einlässt. Ein Bilderbuch-Klassiker mit unbedingtem Bestandsschutz! Als ich mich dann etwas erholt hatte, gelang mir die Begehung noch. Das verstehe ich unter Augenmaß.

Thomas Hering klettert im "Dolch" an der Rohnspitze
Thomas Hering klettert im „Dolch“ an der Rohnspitze

Direkt gegenüber gibt es an der Zitadelle die Route „Domino, die als eine der wenigen Sportkletterrouten im Gebirge gilt (Ein Ring aller 4-5 Meter). Was ist mit den Kletterern, denen auch das Domino noch zu ungesichert ist und die sich dort doppelt so viele Ringe wünschen?

Franz Liebschner klettert in "Domino" an der Zitadelle zwischen dem 5. und 6. Ring
Franz Liebschner klettert in „Domino“ an der Zitadelle zwischen dem 5. und 6. Ring

Ich denke, dass nur wenige die Zukunft des sächsischen Kletterns darin sehen, die Absicherung sogar in den bereits als „Sportkletterrouten“ geltenden Wegen noch zu verbessern. Und ganz ehrlich: Über so eine krasse Übersicherung von Routen habe ich bisher noch nicht einmal nachgedacht. Aber es zeigt sehr schön, wie weit die Vorstellungen auseinander gehen. Das habe ich auch bei den Reaktionen auf das Konzept zur Bergsportentwicklung bemerkt. Den einen ist es zu traditionell und die anderen sehen darin den „Untergang des sächsischen Bergsteigens“. Das ist, denke ich, ein gutes Zeichen, dass es in Wirklichkeit weder das eine noch das andere ist.

Was tut der SBB, um dem Ruf nach besserer Absicherung nachzukommen?

Wir als Vorstand versuchen realistische Ideen zu entwickeln, bei denen wir Chancen sehen, diese im Rahmen unserer Möglichkeiten umzusetzen. Hervorzuheben sind hier z.B. das Pilotprojekt und die Projektgruppe Dornröschenschlaf. Diese suchen nach selten gekletterten Routen, um diese mit nachträglichen Ringen oder anderen Maßnahmen attraktiver zu gestalten und wieder ins Gedächtnis zu rufen. Die Arbeitsgruppe für nachträgliche Ringe hat ihre Geschäftsordnung geändert und ist auf einem guten Weg, um in Zukunft effizienter zu arbeiten. Das sind nur ein paar Beispiele für viele weitere gute Ideen und Konzepte, die in den Arbeits- und Projektgruppen bearbeitet werden. Das sind alles kleine Schritte, die uns aber dem Ziel näher bringen.

Helfen diese Schritte einem Kletterer der sich fürchtet, sobald seine Füße auf Ringhöhe sind?

Der Wunsch nach einer besseren Absicherung hat ja die Ursache, dass man sich in diesen Routen unsicher fühlt. Eine bessere Absicherung kann man aber nicht nur durch mehr Ringe erreichen, sondern auch durch mehr Erfahrung und Können im Schlingen legen. Daher bin ich der Meinung, dass auch der Ausbau von Kursangeboten – Vorstiegskurse, Kurse zum Schlingen legen oder speziellen Klettertechniken – ein wichtiger Eckpfeiler zur Erhöhung der Sicherheit sind.

Besonders Routen im mittleren Grad sind oft schwierig abzusichern, da die Wände meist geneigt sind oder aller drei Meter einen großen Absatz, Bänder oder Schrofengelände haben. Dort müsste vor und nach jedem Absatz ein Ring stecken und der Kletterer würde sich trotzdem noch die Füße brechen.

Was spricht gegen einen großen Schritt in Richtung Sportklettern?

Ich denke, dass die Umfrage durch den SBB objektiv ausgewertet wurde. Die Ergebnisse zeigen, dass der Erhalt der Tradition bei den Mitgliedern einen hohen Stellenwert einnimmt. Den Ruf nach besser gesicherten Routen, besonders in den mittleren Schwierigkeitsgraden, haben wir gehört und das Konzept zur Bergsportentwicklung hält dafür Antworten bereit.

Die aktuellen Rufe nach mehr modernen Einflüssen sollten in den Arbeitsgruppen und Versammlungen des SBB vorgetragen werden. Auch Nicht-SBB-Mitglieder können sich gern in den Arbeits- und Projektgruppen engagieren und somit aktiv die Zukunft des sächsischen Kletterns gestalten.

Im Lager der Sportkletterer wird der Tausch von bestimmten Klettergipfeln gegen neue Massive als eine mögliche Lösung diskutiert. An den Massiven könnten Sportkletterrouten eingerichtet werden und im Gegenzug bliebe das Klettern an den Gipfeln unberührt. Warum wird diese Variante im Konzept zur Bergsportentwicklung explizit ausgeschlossen?

Die Auswertung der Umfrage hat gezeigt, dass es unter den Kletterern keine Mehrheit für diese „Tauschgeschäfte“ gibt. Abgesehen davon wären diese mit der momentanen Gesetzeslage schlicht nicht möglich. Selbst wenn wir Kletterer uns auf einen Kompromissvorschlag – sprich den Tausch von bestimmten Gipfeln gegen einige Massivwände – einigen könnten, müssten wir immer noch den langen Weg durch alle Behörden antreten, um schlussendlich eine entsprechende Gesetzesänderung im Sächsischen Landtag anzustreben. Dafür braucht es einen sehr langen Atem und ich habe noch niemanden getroffen, der sich auch nur vorstellen könnte, sich dieser Herausforderung zu stellen. Und bei all diesen Überlegungen müssen wir auch stets bedenken, dass wir das deutschlandweit beinahe einmalige Privileg besitzen, überhaupt in einem Nationalpark klettern zu dürfen. Daher sollten derartig große Schritte und mögliche Konsequenzen gut überlegt sein. Aus diesen Gründen haben wir uns als Vorstand darauf verständigt, momentan keine Schritte in diese Richtung zu unternehmen.

Du sagst, dass die sich die Zukunft des Sächsischen Kletterns in den Arbeitsgruppen gestallten lässt. Sind diese Arbeitsgruppen gut besucht?

Jein. Bei Diskussionen hört man sehr oft nur die Extrempositionen. Entweder sehr traditionell oder sehr modern. Der „normale“ Gelegenheitskletterer, der ein paar Mal im Jahr im mittleren Schwierigkeitsbereich klettert, ist in den SBB Arbeitsgruppen kaum anzutreffen. Das ist sehr schade, da genau diese Gruppe die Mehrheit der sächsischen Kletterer darstellt. Und im Allgemeinen ist der Zuspruch für die Projektgruppen, wie z.B. die Projektgruppe Dornröschenschlaf, leider deutlich geringer, als ich gedacht hätte.

Das Gespräch führte Uwe Daniel